Ankerknack  (Lisa)

Ja, wie sollen wir denn da, bitteschön, anlanden? Mit drei Erwachsenen im Dinghy, 2 wasserfesten Seesäcken – wir sind ja nicht blöd, dass es nass wird haben wir bereits geahnt – und mir, der Lisa, die sich grad die Hose und das T-Shirt vom Leib reißt. Denn bei dieser Dünung kommen wir mit dem Dinghy nicht trocken an Land. Wir warten die größtmögliche Welle ab. Götz gibt Vollgas während der große Mathi von der "Viktoria" und ich ins Wasser springen und die "Lütje Like" so schnell es geht auf den Strand ziehen. Doch, wie soll's auch anders sein, Mathi und ich waren zu langsam. So können wir nur noch zusehen, wie sich eine übergroße Welle genau über den sich duckenden Götz erhebt – als ob das Ducken etwas helfen würde ... –, ihn verschluckt und ihn mitsamt dem Dinghy und dessen Inhalt komplett flutet. Kurz bin ich nicht in der Lage, die Lütje Like weiterzuziehen, so sehr muss ich lachen und halte mir den (nicht vorhandenen) Bauch. Aber da kommt schon der nächste Brecher. Auf, auf! Keine Zeit zu verlieren. Raus mit dem Schlauchboot. Hau ruck! Geschafft. Jetzt noch das Schlauchi umdrehen, damit es vom Wasser befreit wird, und es über die kleine Düne auf die andere Seite der Sandzuge schleppen. Denn dort erwartet uns ein Salzwasserteich, den wir einige Meilen zur Hauptstadt von Barbuda überqueren müssen. Leider ist dieser Teich so groß und der Wind so heftig von gegenan, dass sich weitere Wellen auftürmen, sodass wir jetzt alle drei komplett begossen werden. Klatsch, klatsch, klatsch, auf und ab. Doch es ist warm und wir drei fühlen uns wie die großartigen Abenteurer auf dem Weg zu den unromantischen Behörden Barbudas.

 

Dort angekommen versuchen wir uns zu trocknen, sofern dies irgendwie geht, und begeben uns zum 1. von 3 über die Stadt verteilten Büros zum Ausklarieren unserer Boote. Das Leben scheint gemütlich zu sein in Barbuda. Keine Touris, keine bunten Stände, keine Souvenier-Läden. Einfach nur friedliches, ungehetztes Leben, streunende Hunde und Schulkinder mit ihrer Schuluniform, denen wir begegnen. Niemand steht an beim Einklarieren. Alles geht sachte und locker vor sich. Da sollten sich so manche Stellen der übrigen Karibik mal ein Beispiel dran nehmen. Lässig schlendern wir zur zweiten Station, als unsere Handfunke einen Funkspruch loslässt: "Vicky an Mathi, Vicky an Mathi. Wir haben ein Problem. Der Anker ist gerissen. Mama motort gerade vom Riff weg und Noah sucht nach dem Notanker. Wir sind gerade alle ziemlich nervös und am Schwitzen. Könnt Ihr kurz kommen?" Ähhh, was ist denn das schon wieder für eine Hiobsbotschaft? Ankerkette gerissen auf der "Viktoria"? Die arme Mama Sandy mit allen 4 Kindern an Bord! Hoffentlich hält die Likedeeler und reißt sich nicht auch noch los. So'n Mist! Und wir brauchen mindestens 40 Minuten, ach was, länger, bis wir dort hinkämen. ... Unsere kurze Lagebesprechung ergibt, dass wir unser Ausklarieren fortsetzen müssen. Wir können nicht länger auf der Insel bleiben. Das Wetter wird schlechter, die Ankerplätze unsicher. Und ohne auszuklarieren kommen wir nicht weg. Außerdem ist auf unsere Kinder Verlass. Wenn Noah das geregelt kriegt mit dem Notanker, dann haben wir ein wenig Zeit gewonnen. Allerdings müssten wir vor Sonnenuntergang den alten Anker heben. Schaffen wir das? Da erreicht uns der 2. Funkspruch: "Zweitanker hält! Wir beruhigen uns. Die Likedeeler liegt ruhig da. Also erste mal alles OK." Puh. Wir atmen auf. Ich möchte nicht in des großen Mathis Haut stecken. Da gerät seine Familie in Seenot und er kann nicht helfen. Doch Gattin Sandy wäre nicht Sandy, wenn sie es nicht in den Griff bekäme. Sie hat schon ganz andere Situationen gemanagt. Hut ab dafür!

 

Nach 2 weiteren Bürorunden quer durch die Stadt jagend und mit allen nötigen Stempeln sitzen wir nun im Dinghy mit Rückenwind. Das macht schon viel mehr Spaß. Aber wir fühlen uns gehetzt. Hau-Ruck erneut, die Lütje Like über die Düne schleppen und schon stehen wir vor dem nächsten Problem. Die Wellenbrecher sind nun noch größer als die vom Vormittag. Wir können uns beim besten Willen nicht vorstellen, wie wir die Lütje Like und uns darin über die Brandung kriegen. Jetzt stehen wir da. Die Kinder und Sandy vom Boot aus winkend und wir wie die Bekloppten auf das Meer starrend und uns Strategien überlegend, wie das Meer mit unserem Dinghy zu zähmen ist. "Jede 7 Welle ist groß, hab ich mal gehört", schlägt Mathi vor. Wir zählen. 1, 2, 3 ..., ja, stimmt genau. Die 7. Welle ist groß. Danach folgt eine etwas kleinere und dann nur noch Miniwellen. Naja, von Miniwellen kann man zwar nicht sprechen. Aber es sind wenigsten Wellen, die wir vielleicht nehmen könnten. Wir zählen weiter. Schleppen das Dinghy den Strand hinunter zu einer vermeintlich optimaleren Einstiegsstelle, machen uns nackig (also, fast nackig), fassen unseren ganzen Mut zusammen, und schmeißen uns, die Lütje Like vor uns her drückend und ziehend, in die Wellen. Jetzt heißt es superschnell rein und den Motor auf Anhieb anschmeißen. Yes! Geglückt. Der Motor surrt. Mit Vollgas düsen wir aus der Dünung Richtung Viktoria ab und schaffen es sogar noch bis zum Sonnenuntergang uns sicher umzuverlegen. Sandy bekommt erst einmal ein ganz großes Bier in die Hand gedrückt und die Kinder einen Fruitpunch. Sie haben sich so toll gehalten bei all dem Stress und die Gefahr gemeistert. Da kann man schon ein bißchen stolz sein. Auch wenn man getrost auf diese Erfahrung verzichen könnte.


In der Nacht mag ich kaum schlafen. Ständig denke ich, dass unsere Likedeeler sich auch losreißt. Doch die Kette hält und am nächsten Morgen machen wir uns ganz früh auf zu unserem nächsten und letzten Inselstopp auf unserer Reise. Zu überdoof nur, dass wir erst nach unserem Stopp auf Barbuda erfahren, dass dort gerade eine große Kolonie von Fregattvögeln zum Brüten angelandet ist. Man kann sie mit Vogeltourtaxibooten besuchen und die Nester wie die Kleinen bestaunen. Ein Ereignis, dass sogar Erwachsene schmelzen lässt und das nur einmal im Jahr stattfindet. Nämlich genau dann, wenn uns der Anker reißt ...

 

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